Kunstausstellung zu den Richard-Strauss-Tagen 2003
"double feature": Rosendorfer und Glikman in der Galerie Jaud


Impressionen der Vernissage am 17.06.2003

"double feature": Rosendorfer und Glikman in der Galerie Jaud
Die Ausstellung zu den Richard-Strauss-Tagen 2003

 


Hier zeigen wir Ihnen einige
Bildimpressionen der Vernissage am 17. Juni 2003


Programmablauf

Eröffnung der Ausstellung durch 2. BM Bauer
Wolfgang Bauer, 2. Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen

 
DIe Ausstellung Rosendorfer

 


Die Ausstellung
"double feature"
zu den Richard-Strauss-
Tagen 2003.
Allgemeine Infos.

Herbert Rosendorfer

 


  2003
Herbert Rosendorfer
»Strauss-Zyklen«

Gabriel Glikman - Ausstellung 2003

 

  2003
Gabriel Glikman
»Weltenwanderung«



 

Die Ausstellungen zu den Richard-Strauss-
Tagen.
Eine Übersicht


Zahlreiche Kunstinteressierte und Besucher der Richard-Strauss-Tage haben sich wieder in der Galerie Jaud eingefunden. Albert von Schirnding liest aus dem literarischen Werk Herbert Rosendorfers.
Zahlreiche Kunstinteressierte und Besucher der Richard-Strauss-Tage haben sich wieder in der Galerie Jaud eingefunden. Albert von Schirnding liest aus dem literarischen Werk Herbert Rosendorfers.
A.Jaud und Petra Jaud (rechts)
Alexander Jaud begrüßt die anwesenden Gäste und verliest ein Grußwort von Herbert Rosendorfer

Dr. Albert von Schirnding
Albert von Schirnding liest aus dem literarischen Werk Herbert Rosendorfers.

Dr. Georg Brun
Georg Brun führt in die Bilder von Herbert Rosendorfer ein
Marco F. Frei
Marco F. Frei stellt das Werk von Gabriel Glikman vor.


Sie gestalteten ein anspruchsvolles Programm zur Ausstellungseröffung: Marco F. Frei, Taisa Iwanowa Glikman, Alexander Jaud, Albert von Schirnding, Georg Brun
Sie gestalteten ein anspruchsvolles Programm zur Ausstellungseröffnung: (v.links) Marco F. Frei, Taisa Iwanowa Glikman, Alexander Jaud, Albert von Schirnding, Georg Brun


 


Blick in den Ausstellungsraum


<Weltenwanderung>
Vernissage-Vortrag von
Marco F. Frei
über Gabriel Glikman
 

Die für die Ausstellung ausgewählten Werke des 1913 im weißrussischen Witebsk geborenen und kürzlich in München verstorbenen Malers, Bildhauers und Graphikers Gabriel Glikman repräsentieren zwei Schwerpunkte - zum einen Künstlerportraits, zum anderen Frauenportraits. Kurz und knapp möchte ich versuchen, Verbindungen zwischen den Einzelwerken aufzuzeigen. Beginnen möchte ich mit den Künstlerportraits, die quantitativ das Zentrum der Exposition darstellen.  

Schnell fällt auf, dass es sich (mit Ausnahme des einnehmenden Franz-Kafka-Portraits) um Komponisten handelt. Die Verbindung von Malerei und Musik war Glikman stets ein besonderes Anliegen, mit zahlreichen Komponisten stand er in freundschaftlichem Kontakt, darunter Strawinsky, Prokofjew und vor allem Schostakowitsch. Seine Sicht auf die Musikgeschichte ist ausgesprochen russisch, und so möchte ich die musikalische Reise mit Schostakowitsch beginnen und von hier aus Verbindungen knüpfen, zumal er mit Schostakowitsch in besonders engem Kontakt gestanden hatte.

 
Mädchenbüste von Gabriel Glikman
Bronzeskulptur


Durch seinen Bruder Isaak, der der persönliche Sekretär des Komponisten war, lernte Gabriel Glikman Schostakowitsch kennen. Zeitlebens gab es in Schostakowitschs Leben und Werk Zwiespälte - der Zwiespalt zwischen Volksheld und Volksfeind, zwischen Privat und Öffentlich, zwischen Anpassung und Anklage. 1936 - auf der Höhe des stalinistischen Terrors - griff ihn die Zeitung der Machthaber, die Prawda, an und bezeichnete ihn als "volksfeindlichen Chaoten". 1948 folgte das zweite Scherbengericht, die Formalismus-Kampagne, bei der nun auch andere (so etwa Prokofjew) angegriffen wurden. Andererseits wurde er mit den wichtigsten Orden des Landes ausgezeichnet. Zuckerbrot und Peitsche. Während es Schostakowitsch gelang, die Forderung der Machthaber nach einfacher, verständlicher Tonsprache mit subtiler Doppeldeutigkeit zu unterminieren und so seine eigene künstlerische Identität zu wahren, wurde Prokofjews Leben und Kunst von dem Regime zerstört. Ende der 30er, auf der Höhe des stalinistischen Terrors, war Prokofjew freiwillig in die UdSSR zurückgekehrt, makaberer Weise verstarb er am selben Tag wie Stalin - nämlich am 5. März 1953.

Gabriel Glikman identifizierte sich persönlich und künstlerisch mit Schostakowitsch. Auch er wurde 1968 nach einer Ausstellung seiner Bilder als "Subversiver" angeprangert, auch in seiner Kunst steht der Mensch im Zentrum. Die hier ausgestellte Schostakowitsch-Skulptur zeigt die nervös-verkrampfte Haltung des Komponisten, die beschriebenen Zwiespälte, die Gradwanderung zwischen Anpassung und Dissidenz auf das Eindringlichste. Noch zu Lebzeiten hat Schostakowitsch die Arbeit gesehen. Die Witwe von Gabriel Glikman erzählte mir, Schostakowitsch soll beim Anblick dieser Skulptur bleich geworden sein und gesagt haben, sie sei wahr, schmerzhaft wahr.  

 
Kommen wir zu den Mahler-Portraits. Auch Alma Mahler-Werfel wusste von der musikalisch-geistig engen Verbindung zwischen Schostakowitsch und Mahler und beauftragte ebenso Schostakowitsch mit der Vollendung der kurz vor Mahlers Tod 1911 begonnenen 10. Sinfonie, was er jedoch wie Schönberg ablehnte. Schostakowitschs Hinwendung zu Mahler nach den Wirren des Jahres 1936 ist symbolisch zu verstehen: Mahlers Musik kündet vom tragischen Helden, von Kulmination und Zusammenbruch, alles andere also als positive Musik im Sinne der Doktrin des Sozialistischen Realismus. Und so nimmt es nicht wunder, dass auch Mahlers Musik während der Formalismus-Kampagne von 1948 scharf attackiert wurde. Der Musikfunktionär Marian Kowal schrieb in jener Zeit in einem Pamphlet über Schostakowitschs Mahler-Vorliebe, Schostakowitsch sei an "Mahlaria" erkrankt. Gabriel Glikman wusste als Zeitzeuge davon zu berichten.
Als Vorläufer der Neuen Musik wurde auch Alexander Skrjábins Musik postum als Beispiel von bürgerlichen Modernismus 1948 scharf angegriffen. So nannte eben jener bereits zitierte Marian Kowal seine Musik "schädlichen Wahn" und "benebelter Morast eines extremen Individualismus".
 Gabriel Glikman - Portrait von Gustav Mahler
Wenn Glikman Skrjábin portraitiert, so ist dies nicht nur eine Huldigung an seine Musik mit ihren, wie Glikman betonte, farbprächtigen und ekstatischen Momenten, wie dies auch das hier ausgestellte Portrait unterstreicht, sondern ebenso ein Mahnmal gegen Unterdrückung und Intoleranz, Willkür und Chauvinismus.
Misstrauisch beäugt als modernistische Tendenz wurde in der Sowjetunion auch der französische Impressionismus um Debussy und Ravel. Es ist Ausdruck subversiven Widerstands und Provokation, wenn ausgerechnet Schostakowitschs von den Machthabern mehrfach ausgezeichnete 7. Sinfonie, die so genannte "Leningrader", im ersten Satz Ravels Bolero und dessen Klangfarben-Variationsprinzip würdigt. Auf Schubert und Brahms geht dagegen Schostakowitschs orchestrale Behandlung der Kammermusik zurück, während Gabriel Glikman und Schostakowitsch an Chopin die "Wahrhaftigkeit echter Gefühle" schätzten.
  
 Gabriel Glikman - Skrjábin

In seinem Wagner-Mozart-Doppelportrait beweist Glikman eine profunde Kenntnis von Musik. Glikman dachte bei diesem Bild an Wagners Klaviersonate B-Dur op. 1 und die relativ unbekannte Oper Das Liebesverbot, die beide das Vorbild Mozart nicht leugnen können.

Auch Schostakowitsch beschäftigte sich intensiv mit beiden Komponisten. So leitet das Todesverkündungsmotiv aus Wagners Walküre den letzten Satz von Schostakowitschs 15. Sinfonie ein. Der erste Satz der 9. Sinfonie huldigte 1945 dagegen nicht mit erwartetem Pathos den gewonnenen Großen Vaterländischen Krieg, sondern verballhornte die Ideologen mit schulmeisterhaft-klassischer Sonatenhauptsatzform und frechem Witz in Mozart-Manier. Der Ärger ließ freilich nicht lange auf sich warten.   

 Gabriel Glikman - Wagner-Mozart-Doppelportrait
Vermeintlich außen vor steht das Schönberg-Portrait. Tatsächlich ist jedoch bekannt, dass Gustav Mahler ein wesentlicher Bezugspunkt für die Wiener Schule um Schönberg war. In seinem Spätwerk hat auch Schostakowitsch partiell zwölftonig komponiert, und zwar (wie er selbst sagte) zum Ausdruck von lähmender Angst, Niedergeschlagenheit, Erschöpfung, Todesahnung. Beispiele finden sich in den Alexander-Blok-Romanzen, der 14. Sinfonie und den letzten Quartetten
.
Einen ganz besonderen Stellenwert haben Glikmans Richard-Strauss-Portraits. Sie entstanden vor einem Jahr und zählen somit zu den letzten Werken, die er gemalt hat. Durch die Beschäftigung mit den Frauenfiguren Elektra und Salome stieß er auf den Komponisten, unmittelbarer Anlass war die Planung der heutigen Ausstellung in der Galerie Jaud im Rahmen der Richard-Strauss-Tage 2003. Intensiv hat sich Glikman mit Strauss auseinandergesetzt. Einerseits sah sich Strauss wie Schostakowitsch einem zügellosen, totalpolitisierten System ausgesetzt (in diesem Fall dem Nationalsozialismus), andererseits unterstrich Strauss stets das Unpolitische seiner Kunst, während Schostakowitsch die Auseinandersetzung suchte.
Noch wenig erforscht sind die musikalischen Verbindungen zwischen Strauss und Schostakowitsch. Die berühmt-berüchtigten Posaunen-Glissandi, die in Schostakowitschs Oper Lady Macbeth von Mzensk unmissverständlich den wilden Liebesakt zwischen Sergei und Katerina darstellen, haben meiner Meinung nach ihr nicht minder eindeutiges Pendant in den Hornstößen aus Strauss' ungenierter Ouvertüre zum Rosenkavalier.
 Gabriel Glikman - Arnold Schöngerg

Gabriel Glikman - Richard Strauss
Am Ende der musikalischen Reise wird deutlich, dass es vor allem thematische Verbindungen sind, die Gabriel Glikman sucht. Im Zentrum steht der Mensch mit seinen Abgründen und Freuden, hier finden sich dann auch ästhetische Übereinstimmungen mit Marc Chagall, den Glikman als Siebenjähriger in Witebsk beim Malen über die Schultern schauen durfte, was ihn nachhaltig beeinflussen sollte. Von der Suche nach tiefer Menschlichkeit zeugen nicht zuletzt auch seine zahlreichen Portraits und Skulpturen unbekannter Frauen, die zu dem umfassenden Newskij-Prospekt-Zyklus gehören - benannt nach der bekannten Hauptstraße in St. Petersburg.
Gabriel Glikman geht es resümierend nicht um formale, stilistische Fragen, sondern um die Universalität der Kunst als Zeugnis tiefer Menschlichkeit. Und so möchte ich mit folgenden Worten Glikmans schließen: "Ich wünsche mir, dass man mich an meinem inneren Aufbau und meiner Weltanschauung erkennt und nicht an den Proportionen, Farbauftrag und Farbkomposition [...], also den handwerklichen Kunstgriff."
   
 Gabriel Glikman - Frauenportrait


Marco F. Frei (geb. 1972 in Hamburg) hat in Salzburg, Mailand und München studiert, promoviert derzeit in München über Dimitri Schostakowitsch und ist als freier Journalist tätig.
 





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(c) by Alexander Jaud 2003