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Sie
gestalteten ein anspruchsvolles Programm zur Ausstellungseröffnung:
(v.links) Marco F. Frei, Taisa Iwanowa Glikman, Alexander Jaud,
Albert von Schirnding, Georg Brun

<Weltenwanderung>
Vernissage-Vortrag von Marco
F. Frei
über Gabriel Glikman |
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Die für
die Ausstellung ausgewählten Werke des 1913 im weißrussischen
Witebsk geborenen und kürzlich in München verstorbenen
Malers, Bildhauers und Graphikers Gabriel Glikman repräsentieren
zwei Schwerpunkte - zum einen Künstlerportraits, zum anderen
Frauenportraits. Kurz und knapp möchte ich versuchen, Verbindungen
zwischen den Einzelwerken aufzuzeigen. Beginnen möchte ich
mit den Künstlerportraits, die quantitativ das Zentrum der
Exposition darstellen.
Schnell
fällt auf, dass es sich (mit Ausnahme des einnehmenden Franz-Kafka-Portraits)
um Komponisten handelt. Die Verbindung von Malerei und Musik
war Glikman stets ein besonderes Anliegen, mit zahlreichen Komponisten
stand er in freundschaftlichem Kontakt, darunter Strawinsky,
Prokofjew und vor allem Schostakowitsch. Seine Sicht auf die
Musikgeschichte ist ausgesprochen russisch, und so möchte
ich die musikalische Reise mit Schostakowitsch beginnen und von
hier aus Verbindungen knüpfen, zumal er mit Schostakowitsch
in besonders engem Kontakt gestanden hatte. |

Mädchenbüste
von Gabriel Glikman
Bronzeskulptur |
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Durch seinen Bruder Isaak, der der persönliche Sekretär
des Komponisten war, lernte Gabriel Glikman Schostakowitsch kennen.
Zeitlebens gab es in Schostakowitschs Leben und Werk Zwiespälte
- der Zwiespalt zwischen Volksheld und Volksfeind, zwischen Privat
und Öffentlich, zwischen Anpassung und Anklage. 1936 - auf
der Höhe des stalinistischen Terrors - griff ihn die Zeitung
der Machthaber, die Prawda, an und bezeichnete ihn als "volksfeindlichen
Chaoten". 1948 folgte das zweite Scherbengericht, die Formalismus-Kampagne,
bei der nun auch andere (so etwa Prokofjew) angegriffen wurden.
Andererseits wurde er mit den wichtigsten Orden des Landes ausgezeichnet.
Zuckerbrot und Peitsche. Während es Schostakowitsch gelang,
die Forderung der Machthaber nach einfacher, verständlicher
Tonsprache mit subtiler Doppeldeutigkeit zu unterminieren und
so seine eigene künstlerische Identität zu wahren,
wurde Prokofjews Leben und Kunst von dem Regime zerstört.
Ende der 30er, auf der Höhe des stalinistischen Terrors,
war Prokofjew freiwillig in die UdSSR zurückgekehrt, makaberer
Weise verstarb er am selben Tag wie Stalin - nämlich am
5. März 1953.
Gabriel
Glikman identifizierte sich persönlich und künstlerisch
mit Schostakowitsch. Auch er wurde 1968 nach einer Ausstellung
seiner Bilder als "Subversiver" angeprangert, auch
in seiner Kunst steht der Mensch im Zentrum. Die hier ausgestellte
Schostakowitsch-Skulptur zeigt die nervös-verkrampfte
Haltung des Komponisten, die beschriebenen Zwiespälte, die
Gradwanderung zwischen Anpassung und Dissidenz auf das Eindringlichste.
Noch zu Lebzeiten hat Schostakowitsch die Arbeit gesehen. Die
Witwe von Gabriel Glikman erzählte mir, Schostakowitsch
soll beim Anblick dieser Skulptur bleich geworden sein und gesagt
haben, sie sei wahr, schmerzhaft wahr. |
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Kommen wir
zu den Mahler-Portraits. Auch Alma Mahler-Werfel wusste
von der musikalisch-geistig engen Verbindung zwischen Schostakowitsch
und Mahler und beauftragte ebenso Schostakowitsch mit der Vollendung
der kurz vor Mahlers Tod 1911 begonnenen 10. Sinfonie, was er
jedoch wie Schönberg ablehnte. Schostakowitschs Hinwendung
zu Mahler nach den Wirren des Jahres 1936 ist symbolisch zu verstehen:
Mahlers Musik kündet vom tragischen Helden, von Kulmination
und Zusammenbruch, alles andere also als positive Musik im Sinne
der Doktrin des Sozialistischen Realismus. Und so nimmt es nicht
wunder, dass auch Mahlers Musik während der Formalismus-Kampagne
von 1948 scharf attackiert wurde. Der Musikfunktionär Marian
Kowal schrieb in jener Zeit in einem Pamphlet über Schostakowitschs
Mahler-Vorliebe, Schostakowitsch sei an "Mahlaria"
erkrankt. Gabriel Glikman wusste als Zeitzeuge davon zu berichten.
Als Vorläufer der Neuen Musik wurde auch Alexander Skrjábins
Musik postum als Beispiel von bürgerlichen Modernismus 1948
scharf angegriffen. So nannte eben jener bereits zitierte Marian
Kowal seine Musik "schädlichen Wahn" und "benebelter
Morast eines extremen Individualismus". |
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Wenn Glikman
Skrjábin portraitiert, so ist dies nicht nur eine
Huldigung an seine Musik mit ihren, wie Glikman betonte, farbprächtigen
und ekstatischen Momenten, wie dies auch das hier ausgestellte
Portrait unterstreicht, sondern ebenso ein Mahnmal gegen Unterdrückung
und Intoleranz, Willkür und Chauvinismus.
Misstrauisch beäugt als modernistische Tendenz wurde in
der Sowjetunion auch der französische Impressionismus um
Debussy und Ravel. Es ist Ausdruck subversiven Widerstands und
Provokation, wenn ausgerechnet Schostakowitschs von den Machthabern
mehrfach ausgezeichnete 7. Sinfonie, die so genannte "Leningrader",
im ersten Satz Ravels Bolero und dessen Klangfarben-Variationsprinzip
würdigt. Auf Schubert und Brahms geht dagegen Schostakowitschs
orchestrale Behandlung der Kammermusik zurück, während
Gabriel Glikman und Schostakowitsch an Chopin die "Wahrhaftigkeit
echter Gefühle" schätzten. |
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In seinem
Wagner-Mozart-Doppelportrait beweist Glikman eine profunde
Kenntnis von Musik. Glikman dachte bei diesem Bild an Wagners
Klaviersonate B-Dur op. 1 und die relativ unbekannte Oper Das
Liebesverbot, die beide das Vorbild Mozart nicht leugnen können.
Auch Schostakowitsch
beschäftigte sich intensiv mit beiden Komponisten. So leitet
das Todesverkündungsmotiv aus Wagners Walküre den letzten
Satz von Schostakowitschs 15. Sinfonie ein. Der erste Satz der
9. Sinfonie huldigte 1945 dagegen nicht mit erwartetem Pathos
den gewonnenen Großen Vaterländischen Krieg, sondern
verballhornte die Ideologen mit schulmeisterhaft-klassischer
Sonatenhauptsatzform und frechem Witz in Mozart-Manier. Der Ärger
ließ freilich nicht lange auf sich warten. |
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Vermeintlich
außen vor steht das Schönberg-Portrait. Tatsächlich
ist jedoch bekannt, dass Gustav Mahler ein wesentlicher Bezugspunkt
für die Wiener Schule um Schönberg war. In seinem Spätwerk
hat auch Schostakowitsch partiell zwölftonig komponiert,
und zwar (wie er selbst sagte) zum Ausdruck von lähmender
Angst, Niedergeschlagenheit, Erschöpfung, Todesahnung. Beispiele
finden sich in den Alexander-Blok-Romanzen, der 14. Sinfonie
und den letzten Quartetten
.
Einen ganz besonderen Stellenwert haben Glikmans Richard-Strauss-Portraits.
Sie entstanden vor einem Jahr und zählen somit zu den letzten
Werken, die er gemalt hat. Durch die Beschäftigung mit den
Frauenfiguren Elektra und Salome stieß er auf den Komponisten,
unmittelbarer Anlass war die Planung der heutigen Ausstellung
in der Galerie Jaud im Rahmen der Richard-Strauss-Tage 2003.
Intensiv hat sich Glikman mit Strauss auseinandergesetzt. Einerseits
sah sich Strauss wie Schostakowitsch einem zügellosen, totalpolitisierten
System ausgesetzt (in diesem Fall dem Nationalsozialismus), andererseits
unterstrich Strauss stets das Unpolitische seiner Kunst, während
Schostakowitsch die Auseinandersetzung suchte.
Noch wenig erforscht sind die musikalischen Verbindungen zwischen
Strauss und Schostakowitsch. Die berühmt-berüchtigten
Posaunen-Glissandi, die in Schostakowitschs Oper Lady Macbeth
von Mzensk unmissverständlich den wilden Liebesakt zwischen
Sergei und Katerina darstellen, haben meiner Meinung nach ihr
nicht minder eindeutiges Pendant in den Hornstößen
aus Strauss' ungenierter Ouvertüre zum Rosenkavalier. |

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Am Ende der
musikalischen Reise wird deutlich, dass es vor allem thematische
Verbindungen sind, die Gabriel Glikman sucht. Im Zentrum steht
der Mensch mit seinen Abgründen und Freuden, hier finden
sich dann auch ästhetische Übereinstimmungen mit Marc
Chagall, den Glikman als Siebenjähriger in Witebsk beim
Malen über die Schultern schauen durfte, was ihn nachhaltig
beeinflussen sollte. Von der Suche nach tiefer Menschlichkeit
zeugen nicht zuletzt auch seine zahlreichen Portraits und
Skulpturen unbekannter Frauen, die zu dem umfassenden Newskij-Prospekt-Zyklus
gehören - benannt nach der bekannten Hauptstraße in
St. Petersburg.
Gabriel Glikman geht es resümierend nicht um formale, stilistische
Fragen, sondern um die Universalität der Kunst als Zeugnis
tiefer Menschlichkeit. Und so möchte ich mit folgenden Worten
Glikmans schließen: "Ich wünsche mir, dass
man mich an meinem inneren Aufbau und meiner Weltanschauung erkennt
und nicht an den Proportionen, Farbauftrag und Farbkomposition
[...], also den handwerklichen Kunstgriff." |
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Marco
F. Frei (geb.
1972 in Hamburg) hat in Salzburg, Mailand und München studiert,
promoviert derzeit in München über Dimitri Schostakowitsch
und ist als freier Journalist tätig. |
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by Alexander Jaud 2003 |